Aberglaube

 

Häufig wurden Versuche unternommen, dem Abdecker seine Rechte zu schmälern. In früheren Fällen pflegte in Fällen, wo jemand dem Abdecker ein gefallenes Stück Vieh nicht ausgeliefert hatte, der letztere dem Defraudanten [Schwindler, Betrüger] sein langes Messer in den Hausthürpfosten zu stechen, wo jener es nicht selbst entfernen konnte, um nicht ebenfalls unehrlich zu werden.

das Anbrennen von Fingern eines Kindes, welches aus Mutterleibe geschnitten oder gewaltsam entbunden wurde, erweckt einen solch tiefen Schlaf, daß die Bewohner eines Hauses ganz ungestört bestohlen werden könnten.

1540: 02. Okt., Sonnabends nach Michaelis wollte E. E. Rath (zu Rochlitz) fünff Mordbrenner schmauchen und verbrennen lassen. Derowegen erbaten die Landgräfflichen und Sächßischen Medici, welche damahls einen hochberühmten Doctorem und erfahrene Medicum aus Welschland, und sonst 2 Medicos von Leipzig bey sich hatten, einen jungen starcken Mann N. Stangen Peucker genannt, von der Strafe des Feuers, und brachten zu wege, daß er mit dem Strange gerichtet, und gegen Abend vom Galgen wieder abgenommen wurde, damit sie sein Cadaver auf dem Rath-Hauße anatomiren möchten, welches also geschehen.

Weil aber damahls ein Bürger zu Rochlitz wohnete, Jacob Naumann genannt, welcher ein Weib hatte, so etliche Jahre lang dermassen an ihren Füßen erlähmet und contract gewesen, daß sie kümmerlich an Krücken allein in ihrem Hause hat herum schleichen können: als lässet sie die Herren Medicos, welche bey Herr Bürgermeister Michael Pecken, das nächste Hauß neben ihr zur Herberge lagen, ansprechen, daß sie ihr doch helfen und Medicamenta verordnen wollten. Die Medici geben ihr die Schienbeine von dem anatomirten Cörper, und lassen ihr anzeigen, sie soll diesselben an den Ofen lehnen, und sauber Geschirr untersetzen, was daraus trieffen werde, das solle sie gebrauchen, und sich bey der Wärme damit schmieren.

1558: Am Trinitatis-Feste war des Rathsherrn Erh. Pentels Ehefrau zu Zwickau plötzlich gestorben. Da sich nun das Gerücht verbreitet hatte, er habe sie erschlagen, so begab sich sofort Rath und Gericht zu ihm, um Besichtigung und Verhör anzustellen, wobei man auch nach damaligem abergläubischem Gebrauche durch ein sogenanntes Gottesurtheil die Wahrheit zu erforschen suchte, indem man Inculpaten [dem Angeklagten] dieBahrheits-Probe bestehen, d. h. die Leiche dreimal berühren ließ. Da sich aber dabei an derselben keine Veränderung (Bewegung, Blutung oder Schaum vorm Munde) zeigte, und auch das Verhör seine Unschuld herausstellte, so wurde Pentel freigesprochen.

1575: wurde Pusch-Petern, welcher 30 Mörde (worunter 6 schwangere Frauen, und so viel Leibesfrüchte gewesen, deren Hertzen er herauß gezogen, und sie gefressen, damit er nicht möchte gefangen werden) auch 6 Kirchenräube, und andere abscheuliche Ubelthaten mehr begangen hatte, zum Sagan, erstlich die rechte Hand abgehauen, nachmahls mit Zangen gerissen, endlich zur Stadt hinauß geschleifft, und gespisset.

1593: wurde zu Zittau Michael Schäfer und sein Sohn gehencket. Sie hatten viel Geld gestohlen, und auch schon die Marter ausgestanden, doch bekannten sie erst auf die letzt ihr Verbrechen. Das folgende Jahr darauf, wurde am 16. Juni des Nachts der Galgen erbrochen, die zwey armen Sünder herunter geworfen; und dem jungen Schäfer die Daumen abgeschnitten.

1595: Brief eines Leipziger Bürgers an seinen Bruder in Riga. / „… Da haben sie (die Leute) mir geantwortet, du hättest solches Unglück nicht von Gott, sondern von bösen Leuten und dir könnte nicht geholfen werden, du hättest denn ein Alruniken oder Ertmänneken und wenn du solches in deinem Haus oder Hove hättest, so würde es sich mit dir wol bald anders schicken. So hab ich mich nu von deinetwegen ferner bemühet, und bin ich zu den Leuten gegangen, die solches gehabt haben, als bey unserm Scharffrichter und ich habe ihm dafür geben als nemlich mit 64 Thaler und des Budels (Henkers) Knecht ein Engelkleidt (ein Stück Geld) zu Drinkgeld. Solches soll dir nu, lieber Bruder, aus Liebe und Treue geschenket syn …“

1601: vom Galgen auf dem Windberge bei Zwickau werden 3 Gehenkte gestohlen.

1603: hatte Mich. Köhler, ein Bauer in Waltersdorff [östl. Scheibenberg, zu Crottendorf], seinen Hund gewöhnet, daß er beym Pferd im Stalle lag. Der Hund wurde toll, und bisse das Pferd, daß es auch wild und thöricht wurde, der Wirth wurde auch gebissen, ritte daher stracks zum Scharffrichter, der gab ihm den Rath, er sollte den Hund und das Pferd nur erschiessen lassen, und von des Hundes Leber essen, das halff dem Wirth.

Ein Hexenrecept von 1640 lautet: „Der Tischlerin Haar, eine Troddel von der Handquel, ein Stück von der Tischecken, einen Span von der Justiz (dem Galgen), vor 3 oz. Darant (Enzian), 3 oz. Wiederthon (polytrichum commune, ein Moos), sammt Rindsblut in’s Teufelsnamen in einen neuen Topf gethan, auf’s Feuer gesetzt und umgerührt“.

1693: 22. Okt., ließ eine Magd zur Schönheyde Feuer ins Pech fallen, davon das Hammerwerk mit 90 Schock Gedreyd und 2.000 Thaler werth verbrandte. Vor diesen Brand fiel eines alten Possessoris Bild herunter. Dem Pachtmann dauchte, aller Schnee fiele des Nachts vom Dach und war doch nichts. Da die Magd die Stube wusch, thats 3 harte Schläge. Wenn etwa eine Peinliche Execution hat sollen vorgehen, hats in der Marter-Cammer mit Ketten, Fesseln und Tortur-Zeug rumoret und gerasselt, item das Gerichtsschwerd hat sich an des Scharfrichters Wand, ohne jemandes Anrühren zitterlich beweget, und die erfolgte Execution angedeutet, wie ich von denen, die es selbst gesehen, gehöret und erfahren, berichtet worden. 

Als 1733 den Scharfrichter bei der Enthauptung zweier Falschmünzer [zu Zittau] seine Kunst verließ und er dreimal hauen mußte, schoben mehrere die Schuld auf ein im Kreise befindliches schwarzes Kätzchen. Da sich daran Hunde nicht wagen wollten, so schloß man, daß hier eine andere Gewalt im Spiel seyn müsse.

Nachricht aus den Kirchen-Zetteln 1737 von 33 Städten in Sachsen und der Ober-Lausitz. / … 9.) In Haynichen [sind] 79 Personen begraben, worunter … eine Jungfer von 58 Jahren, die man im Bette todt gefunden, diese hat als Kind in der Wiegen das Unglück gehabt, daß ein Schwein ihr an der einen Hand alle, an der andern aber 3 Finger abgefressen; das Schwein aber ist hernach erschlagen und verbrannt worden.

Wirklich lebte auch im Volke der Glaube, daß eine 12fach glücklich verrichtete Hinrichtung mit dem Schwert verübt, ihm [dem Scharfrichter] die Ritter- und in späteren Jahrhunderten die Doctor-Würde verlieh.

1749: 09. Aug., wurde Anna Dorothea Ringehanin, von Hartau, zu Zittau mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode gebracht, und der Körper aufs Rad geleget. Sie hatte ein, in Abwesenheit ihres Mannes, mit welchem sie sich nicht nährete, erzeugtes Kind vorsetzlich umgebracht. Unter währender Enthauptung wurde das Blut aufgefangen, und einem Soldaten für die Schwerenoth eingegeben; welches aber nicht die verlangte Würckung gethan hat.

Als am 06. Juni 1755 zu Dresden Karl Gottlob Zeibig, der in der Trunkenheit Samuel Klotzschen erstochen hatte, mit dem Schwerte hingerichtet werden sollte, erbat sich der Schneidergeselle Wiedemann, der an der Epilepsie litt, die Erlaubniß, das strömende Blut bei der Hinrichtung zu trinken. Ein Befehl des Ministers, Grafen von Brühl, gestattete es ihm.

1758: wurde auf dem Schneeberger Richtplatz ein Dieb durch den Strang gerichtet. Der Raumer Scharfrichter Fischer erhielt davon Kunde. Daraufhin gab er seinen beiden Knechten Weise und Rückgradt folgenden seltsamen Auftrag: beide sollten sich in der Nacht nach der Hinrichtung nach Schneeberg begeben und den Gehängten vom Galgen mittels eines Hakens herunter ziehen, darauf sämtliche Gliedmaßen des Toten abtrennen und solche in einem Sack dem Auftraggeber übergeben … Was wollte aber der Raumer Scharfrichter mit der grausigen Diebesbeute? Wie viele seiner Berufsgenossen trieb er mit den Gliedmaßen gerichteter Verbrecher einen einträglichen, schwungvollen Handel. Das Gaunertum und lichtscheue Diebsgesindel jener Zeiten war im höchsten Maße abergläubig. Wohl jeder Angehörige einer der damals sehr zahlreich anzutreffenden Räuber- und Diebesbande hatte irgendein Talisman in seine Kleidung eingenäht, der stich-, hieb- und kugelfest machen und vor polizeilichen Zugriffen sichern sollte. Sehr gesucht waren als solche schutzbringende Zaubermittel die Finger der am Galgen gerichteter Verbrecher. Dafür zahlte man in Gaunerkreisen hohe Preise. Auch allerhand zauberkräftige Tinkturen und Salben bereitete der Scharfrichter aus den Weichteilen der abgetrennten Glieder, und auch diese fanden reißenden Absatz.

Gespenstergeschichten. / Wie in der Stadt Meißen das Pfeifen eines Todtenschädels aufgeklärt wurde. / Vor ungefähr hundert Jahren [um 1806] wurden in der Stadt Meißen sechs Missethäter durch das Schwert gerichtet. Die Leichname verscharrte man, die Köpfe spießte man auf Pfähle unweit der Landstraße. Eines Nachts kurz nach der Hinrichtung gingen drei Bürger am Hochgericht vorüber. Plötzlich vernahmen sie von daher, wo die Schädel waren, ein Pfeifen, das bald stärker, bald stärker wurde. Ein eiskalter Schauer überfiel die drei, sie eilten, wie von einem bösen Geist gejagt, in die Stadt, wo sie am andern Morgen von ihrem nächtlichen Erlebnis berichteten. Man glaubte ihnen zuerst nicht recht, aber bald hatten sich auch andere, die neugierig von ferne lauschten, überzeugt, daß die Sache stimme. Die Obrigkeit erhielt einen Rapport, und sie hielt es für rathsam. den sechs Todtenschädeln eine Nachtwache hinzustellen. Die Nachtmusik blieb auch nicht aus, und die Richtung des Schalles ergab, daß thatsächlich der nächtliche Virtuose unter den sechsen sein müsse. Man prüfte daraufhin die Schädel und entdeckte dann auch den geheimnißvollen Pfeifer vom Hochgericht. Von den Hingerichteten war der eine durch einen Fehler des Scharfrichters nicht richtig getroffen worden, sondern er war beim ersten Hiebe in Backen und Kinnlade getroffen worden. Erst beim zweiten Hiebe wurde der Kopf vom Rumpfe getrennt, und so war durch den Fehlhieb eine Oeffnung entstanden die durch das Trockenwerden an der Luft größer geworden war. Wenn nun der Wind aus der richtigen Gegend kam, fing er sich in der weiten Höhlung und drängte sich durch die engere der Zähne und des Mundes, und so war der Schädel zum Pfeifen gezwungen. Man verstopfte nun die Oeffnung mit Werg, und die ehrsamen Bürger der Porzellanstadt Meißen konnten nun, wenn sie sonst nicht bange waren, wieder ihre abendlichen Spaziergänge furchtlos bis zum Hochgericht ausdehnen. [Nebraska Staats-Anzeiger und Herold. (Grand Island, Nebraska), 1911]

1836: 30. Dez., Hinrichtung des Carl Friedrich Bär, u.a. wegen Raubmord, zu Rochlitz. Es war zu dieser Zeit gängig, eingetunkte Gewebstücke mit Heim zu nehmen, denn das Blut des Geköpften sollte Glück und Reichtum bringen, auch Krankheiten abwehren oder heilen. Ein Mann vom Dorfe, der seit vielen Jahren schwer an Gicht litt, leckte sogar Blut von Bär auf.

Bei der Hinrichtung der Witwe Knothe und des Gesellen Steinmann in Berlin am 30. Juli gab der Berliner Pöbel Beweise, daß er noch nicht von der hohen Bildung Spree-Athens beleckt sei. Alles Absperren und Abschließen des Hofes half nichts, Hunderte drängten sich hinein und auch im Hofe selbst vermochte die Schutzmannschaft die Menschenmenge, welche sich ganz nah an das Schaffot herandrängte, nicht zurückzuhalten. Zwei Gefängnißwärterinnen, welche der Knothe folgten, und die Scharfrichtergehilfen tauchten weiße Tücher in das Blut, um diesselben, das Stück zu zwei Thaler, zu verkaufen, denn in Berlin herrscht noch immer der Aberglaube, daß derlei Tücher Glück bringen, sowohl zu guten, als auch zu schlechten Thaten. [Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Nr. 221, Montag, den 08. August 1864]